Rom in der Tasche
Reiseführer und Reiseliteratur in historischen Drucken der Bibliotheca Hertziana

Inhalt
Einleitung
1. Entdeckung des barocken Theaters
2. Das Jahrhundert der bedeutenden Reisenden
3. Das antike Rom zwischen Realität und Imagination
4. Die ewige Heilige Stadt
5. Rom Tag für Tag
6. Die römische Campagna
7. „Mit Genehmigung der Obrigkeit“
8. Die neue Hauptstadt Italiens
9. Rom als Tourismusmetropole
Ausgewählte Literatur
Impressum
Einleitung
Die Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte beherbergt eine der weltweit umfangreichsten und renommiertesten Sammlungen römischer Reiseführer, die seit ihrer Gründung einen zentralen Bestandteil ihres Buchbestandes bildet. Es überrascht daher nicht, dass Ludwig Schudt, seit 1926 Bibliothekar des Instituts, bereits 1930 Le Guide di Roma. Materialien zu einer Geschichte der Römischen Topographie veröffentlichte – ein Werk, das bis heute als grundlegende Referenz für die Forschung gilt. Im Vorwort betont Schudt mehrfach, wie entscheidend die Sammlung im Palazzo Zuccari für den Erfolg seiner Arbeit gewesen sei: “Der sehr reiche Bestand an römischen Guiden, den ich in der Bibliotheca Hertziana bereits zu Beginn meiner Tätigkeit vorfand, hat für meine Arbeit die ersten Grundlagen abgegeben. […] Ich sehe es als ein besonders glückliches Geschick an, daß es mir vergönnt ist, in einem Institut, das sich die Sammlung der Romliteratur mit zur Hauptaufgabe gemacht hat, vollkommen frei schalten und walten und es weiter ausbauen zu können.“
Seit 1930 hat sich die „Collezione Romana“, die Sammlung der Romführer der Bibliotheca Hertziana, ganz im Sinne Schudts durch Ankäufe, Vermächtnisse und Schenkungen kontinuierlich erweitert und umfasst heute über 700 Bände. Parallel dazu haben sich auch die Forschungsschwerpunkte des Instituts ausgedehnt: Neben den Romführern (Signatur Dg) bewahrt die Bibliotheca Hertziana heute eine bedeutende Sammlung von Reiseliteratur über Italien (Signatur Fa) und über andere Länder der Welt (Signatur Ff), mit einem besonderen Fokus auf die Regionen des östlichen Mittelmeerraums.
In den letzten zwei Jahrzehnten wurde zudem eine umfassende Digitalisierungskampagne gestartet, um den wertvollen Buchbestand einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die nach höchsten technischen Standards digitalisierten Werke sind über die DLIB – eine „Open-Source“-Bibliothek – frei konsultierbar, die Links zu den einzelnen Titeln sind in den jeweiligen Katalogeinträgen des KUBIKAT verzeichnet.
Dank dieser langen Tradition ist die Bibliotheca Hertziana der ideale Ort, um eine Ausstellung zu Reiseführern und Reiseberichten über Rom zu präsentieren. Das Projekt entstand aus der engen Zusammenarbeit zwischen der von Golo Maurer geleiteten Bibliothek und der Forschungsabteilung von Tanja Michalsky, die sich intensiv mit dem urbanen Raum und seinen vielfältigen Darstellungsformen – in Text, Bild und Karte – auseinandersetzt. Diese synergetische Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen des Instituts hatte bereits 2022 zur Realisierung von Buch-Ausbrüche geführt, der ersten „Online-Ausstellung”, die sich um die Bücher der Bibliothek drehte und der Darstellung des Vesuvs und vulkanischer Phänomene in Druckwerken zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gewidmet war.
Diese digitale Ausstellung konzentriert sich auf das Bild Roms, wie es in den Reiseführern und der Reiseliteratur vermittelt wird – Quellen, die ein einzigartiges Verständnis der Entwicklung des Stadterlebnisses in der Frühen Neuzeit ermöglichen. Ob vor der Abreise gelesen oder auf den Straßen der Stadt zur Hand genommen, in der Tasche oder im Quersack verstaut: diese Bücher begleiteten die Reisenden ganz konkret bei ihrer Erkundung der Stadt und prägten nicht nur ihre Orientierung, sondern auch ihre Wahrnehmung des urbanen Raums. Während die Reiseführer Kirchen, Paläste und Ruinen systematisch beschreiben und so ein analytisches Verständnis des historischen, künstlerischen und religiösen Erbes der Stadt ermöglichen, bieten die Berichte der Reisenden eine strukturiertere kritische Analyse des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontexts, und geben den subjektiven Erfahrungen der Autoren und Autorinnen eine Stimme. Beide Gattungen sind also alternativ und komplementär und stehen in einem ständigen Dialog miteinander: Dem triumphalen, universalen Bild Roms, das in den Reiseführern vermittelt wird, steht das vielschichtige, oft widersprüchliche Rom der Reisenden gegenüber, die seine Schönheit preisen, ohne seine Schattenseiten zu verschweigen. Wie in einem Kaleidoskop verändert sich das Bild der Stadt je nach Blickwinkel und Stimme des Beobachters oder der Beobachterin. Reiseführer und Reiseberichte beschreiben den Stadtraum nicht nur, sie konstruieren ihn zugleich. Der Text wird zum Medium der Repräsentation, das ein Bild Roms erzeugt und verbreitet – zugleich real und ideal, individuell und kollektiv. Die Ausstellung präsentiert außerdem eine beträchtliche Anzahl von Ansichten, topografischen Karten und perspektivischen Plänen, die einen noch umfassenderen Eindruck von den vielfältigen Repräsentationen der Ewigen Stadt vermitteln. Mithilfe eines Geoinformationssystems (GIS) wurden zudem digitale Karten erstellt, die es ermöglichen, die in den wichtigsten Reiseführern vorgeschlagenen Routen und die Beschreibung der Monumente zu vergleichen. Auf diese Weise lässt sich nachvollziehen, wie jeder Text Raum und Zeit ordnet und strukturiert und so jene praktische Funktion zurückgewinnen, die diese Bücher über Jahrhunderte hinweg für Reisende besaßen.
Die Ausstellung versteht sich somit nicht als einfache Übersicht über Bücher zur Stadt, sondern nutzt die gedruckten Quellen, um vier Jahrhunderte des Reisens nach Rom nachzuzeichnen. Einige Abschnitte folgen einer chronologischen Gliederung und beleuchten entscheidende Phasen der Stadtgeschichte anhand zeitgenössischer Reiseführer und Reiseberichte – von der barocken renovatio urbis über die Grand Tour bis zu den Umbrüchen des 19. Jahrhunderts, der Annexion durch das Königreich Italien und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Andere Abschnitte verfolgen hingegen einen thematischen Ansatz und zeigen, wie sich die Art und Weise, bestimmte Aspekte der Stadt zu beschreiben, im Laufe der Zeit verändert hat: das antike Rom, die Landschaft außerhalb der Aurelianischen Mauern, die Heilige Stadt und die Zensur als Instrument zur Kontrolle der Wahrnehmung.
Vom 11. November 2025 bis 31. Januar 2026 wird die Online-Ausstellung Rom in der Tasche von einer physischen Ausstellung in der Bibliotheca Hertziana in der Sala del Disegno des Palazzo Zuccari flankiert: This is not the Rome I expected to see. Erzählungen, Blicke und Routen in den Reiseführern über Rom und Umgebung (1763–1925). Die von Viviana Costagliola in Zusammenarbeit mit der Universität La Sapienza in Rom kuratierte Initiative untersucht anhand einer Auswahl von fünfzehn Reiseführern aus der Rara-Sammlung der Bibliotheca Hertziana, wie die Stadt und ihre Umgebung zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert beschrieben, dargestellt und bereist wurde. Die Bücher werden von einer Bildschirmpräsentation flankiert, die räumliche Darstellungen der touristischen Routen in den Reiseführern des Touring Club Italiano (1925–1977) zeigt, die von Vincenzo Moschetti und Fabrizio Toppetti vom Fachbereich Architektur der Universität La Sapienza erstellt wurden.
Waren in der Vergangenheit die Heiligen Jahre Zeiten intensiver Tätigkeit der römischen Verleger, so bietet nun das Jubeljahr 2025 den Anlass, die Reise nach Rom erneut als soziales und kulturelles Phänomen zu reflektieren. Die ausgestellten Werke sind sichtbare Zeugnisse eines über Jahrhunderte währenden Dialogs zwischen Stadt und Reisenden, der entscheidend zur Formung des Bildes der Ewigen Stadt beigetragen hat. Rom in der Tasche ist daher eine Metapher für ein vermitteltes Wissen, in dem Reiseführer und Reiseberichte die Erfahrung der Stadt in handlichem Format verdichten – die illusionäre Möglichkeit, einen reichen und vielschichtigen urbanen Raum zwischen den Seiten eines Buches einzuschließen. [AC]
1. Entdeckung des barocken Theaters
Die erste Sektion widmet sich der Reiseliteratur über Rom im 17. Jahrhundert, jener Zeit, in der sich die Stadt als das bedeutendste kulturelle Zentrum Europas etablierte. Die zahlreichen Reiseführer, die auf den Markt gebracht wurden, feiern offen die Vorrangstellung des modernen Roms, das unter den aufeinanderfolgenden Päpsten – insbesondere Urban VIII., Innozenz X. und Alexander VII. – erneuert wurde. Die zunehmend umfangreichen Informationen über Gemälde, Skulpturen und Bauwerke der Stadt sind nach unterschiedlichen Prinzipien gegliedert, um den Bedürfnissen eines stets wachsenden und heterogeneren Publikums gerecht zu werden: Einige Bände beschreiben Kirchen und Denkmäler nach der räumlichen Einteilung der Stadtviertel, andere strukturieren den Besuch in eine Abfolge täglicher Routen, wieder andere ordnen das Material alphabetisch oder nach thematischen Kategorien.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts beginnen auch die Reisetagebücher ausländischer Besucherinnen und Besucher, der neuen barocken Stadt – dem „großen Theater der Welt“ – verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken. Trotz der unvermeidlichen Kritik am Katholizismus und an der päpstlichen Autorität müssen die nordeuropäischen Reisenden die Pracht des erneuerten christlichen Roms und die Leistung der hervorragenden Künstler, die dazu beigetragen haben, anerkennen. [AC]







2. Das Jahrhundert der bedeutenden Reisenden
Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Grand Tour: Die Sprösslinge des europäischen Adels begeben sich auf eine Bildungsreise durch den Kontinent, deren bevorzugteste und am sehnlichsten erwartete Etappe Rom ist. Die Stadt vereint alles, was diese zumeist männlichen jungen Aristokraten über Jahre hinweg studiert und sich vorgestellt hatten – die klassische Antike, die Meister der Renaissance und die bedeutendsten zeitgenössischen Künstler.
Für ein vertieftes Verständnis der Stadt erweisen sich der Erwerb von Reiseführern und die Lektüre von Reiseberichten als unerlässlich. Die Reiseführer bieten eine Fülle von Informationen, die in einer für die Orientierung der Besucherinnen und Besucher sinnvollen topografischen Ordnung präsentiert werden. In den Reiseberichten hingegen tritt die persönliche Erfahrung des Autors oder der Autorin hervor, den Lesern und Leserinnen seine subjektive Sicht auf Rom vermittelt – das Ergebnis persönlicher Beobachtungen und Überlegungen während des Aufenthalts.
Diese Sektion bietet einen Überblick über die reiche und vielfältige Produktion und hebt die charakteristischen Unterschiede zwischen diesen beiden literarischen Gattungen hervor. [AC]







3. Das antike Rom zwischen Realität und Imagination
Der Mythos des antiken Roms hat die Vorstellungskraft ganzer Generationen von Reisenden geprägt. Über die Jahrhunderte hoffte jeder, der sich auf den Weg in die Ewige Stadt machte, Spuren jener vergangenen Größe zu finden. Die Tagebücher europäischer Reisender schildern unermüdlich das Staunen über die zahlreichen Monumente innerhalb der Aurelianischen Mauern. Die Reiseführer hingegen stehen vor der schwierigen Aufgabe, eine Stadt, die der Vergangenheit angehört „wiederaufleben“ zu lassen und die Fremden dazu anzuregen, sich prächtige Bauwerke vorzustellen, wo kaum mehr als Ruinen zu sehen sind.
Auf diese geistige Anstrengung verweist auch Johann Wolfgang von Goethe in seiner Italienischen Reise (1816–1817): „Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.“
Diese Ausstellungssektion präsentiert eine Auswahl von Reiseführern und Reiseberichten, die sich der antiken Stadt widmen und unverzichtbare Hilfsmittel für das Verständnis des so reichen und vielschichtigen urbanen Gefüges der Stadt Roms darstellen. [AC]






4. Die ewige Heilige Stadt
Während des gesamten Mittelalters und der Frühen Neuzeit war die Pilgerfahrt einer der Hauptgründe für eine Reise nach Rom. Die Urbs ist die Heilige Stadt par excellence: Hier residiert nicht nur der Papst – Stellvertreter Christi und geistliches Oberhaupt der Kirche –, sondern Rom selbst war Zeuge entscheidender Ereignisse der Christenheit. Auf dem Janiculum wurde der heilige Petrus gekreuzigt und später im Zirkus des Nero beigesetzt, an der Via Ostiense erlitt der heilige Paulus den Märtyrertod, und wie Papst Pius V. betonte, war der Boden Roms vom Blut der Märtyrer getränkt. Die großen Basiliken, die Katakomben und die unzähligen Kirchen mit ihren Reliquien übten daher eine außerordentliche Anziehungskraft auf Christen aus aller Welt aus. Seit der Ausrufung des ersten Heiligen Jahres 1300 bot die Möglichkeit, einen vollkommenen Ablass zu erlangen, einen zusätzlichen Anreiz für Pilgerreisen nach Rom.
Aus verlegerischer Sicht stellten die Jubiläumsjahre außergewöhnliche Gelegenheiten für den römischen Buchmarkt dar: Buchhändler und Drucker nutzten sie geschickt, um Reiseführer zu verkaufen, die Pilgerinnen und Pilgern halfen, sich nicht nur in der Stadt, sondern auch im dichten Ablauf liturgischer Feierlichkeiten zu orientieren.
Diese Sektion zeigt eine Auswahl religiös-devotionaler Reiseführer, die vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein in der Stadt gedruckt wurden, und unterstreicht so die anhaltende zentrale Bedeutung der Pilgerfahrt in der Geschichte der Romreise. [AC]





5. Rom Tag für Tag
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfuhr das Reisen nach Italien tiefgreifende Veränderungen. Neben den Grandtouristen, die noch immer durch Roms Straßen zogen, wuchs zunehmend die Präsenz des Bürgertums, begünstigt durch die Revolution des Transportwesens, die Reisen schneller, sicherer und erschwinglicher machte.
Ein symbolisches Datum ist das Jahr 1866, als Thomas Cook die erste organisierte Italienreise anbot, die auch Rom einschloss. Innerhalb von nur vier Wochen konnten Touristinnen und Touristen die wichtigsten Städte der Halbinsel entdecken, wobei sie sieben Tage in der Hauptstadt des Kirchenstaates verbrachten.
Wie die in dieser Sektion gezeigten Werke belegen, spiegelt die Reiseliteratur die große Vielfalt der Besucher wider, die Rom im 19. Jahrhundert bevölkerten. Neben den Berichten berühmter Reisender wie Stendhal, die sich monate-, wenn nicht jahrelang, in der Stadt aufhielten, setzten sich Reiseführer durch, die den Besuch nach Tagen gliedern und damit den neuen Wert der Zeit im Reiseerlebnis verdeutlichen. So wie Jules Verne seinen Protagonisten Phileas Fogg die Welt in nur achtzig Tagen umrunden lässt, ist es nun auch möglich, Rom in einer Woche zu erkunden. [AC]







6. Die römische Campagna
Die Anziehungskraft, die Rom auf seine Besucherinnen und Besucher ausübte, war so groß, dass zunächst kaum etwas außerhalb der Aurelianischen Mauern wahrgenommen wurde. Auf dem Weg in die Stadt erscheint die umgebende Landschaft wie eine Wüste – ein „leerer“ Raum, der den Reisenden vom Ziel seiner Sehnsucht trennt. Erst nachdem er das Stadtgefüge eingehend erkundet hat, ist der Besucher bereit, auch das Umland zu entdecken.
Die fortwährende Präsenz von Fremden in diesen Gegenden führte zur Entstehung einer reichen literarischen Produktion, von der diese Sektion eine aufschlussreiche Auswahl präsentiert. Die Reiseberichte schildern die widersprüchlichen Empfindungen, welche die römische Landschaft hervorruft: Nostalgie und Bewunderung für die majestätischen antiken Ruinen, Mitgefühl für die prekären Lebensbedingungen der Landbevölkerung, Staunen über die prachtvollen Villen vor den Toren der Stadt, Bewunderung für malerische Ausblicke, aber auch Furcht vor Banditentum und den ungesunden Lebensbedingungen der Pontinischen Ebene. [AC]
7. „Mit Genehmigung der Obrigkeit“
Das Bedürfnis, stets ein erbauliches Bild von Rom und der Kirche zu vermitteln, veranlasste den Kirchenstaat zu einer kontinuierlichen Kontrolle über die Inhalte der topografischen Literatur. In der Stadt durften Reiseführer erst nach sorgfältiger Prüfung durch den Magister sacri palatii (den päpstlichen Haustheologen, dem die Bücherzensur oblag), gedruckt werden, um sicherzustellen, dass der Text „nichts enthält, was unserem heiligen Glauben oder den guten Sitten widerspricht“. Gleichzeitig wurden abweichende Stimmen rigoros zensiert: Berühmte Reiseberichte mit offen antiklerikalem Inhalt landeten auf dem Index der verbotenen Bücher.
Diese Sektion zeigt exemplarische Fälle, die diese Form der Kontrolle konkret veranschaulichen. Neben drei Reiseberichten, die wegen ihrer „umstürzlerischen“ Ansichten über Staat und päpstliche Macht auf den Index gesetzt wurden, werden zwei Reiseführer und ein Reisetagebuch vorgestellt, die in einer besonders heiklen Phase der römischen Geschichte entstanden: während der französischen Besatzung (1809–1814) und der anschließenden Restauration (1814–1823). Das gänzlich andere Bild der Stadt, das diese Texte vermitteln, verdeutlicht die politische Instrumentalisierung, der die Reiseliteratur zunächst unter Napoleon und später unter Pius VII. unterlag. [AC]






8. Die neue Hauptstadt Italiens
Am 20. September 1870 drang die Armee des Königreichs Italien durch eine Bresche bei Porta Pia in die Stadt ein und eroberte sie in kurzer Zeit. Die Annexion Roms an das Königreich markierte einen epochalen Wendepunkt: das Ende des Kirchenstaates und damit der weltlichen Macht des Papstes.
Die in dieser Sektion gezeigten Reiseführer und Reiseberichte entstanden unmittelbar nach 1870, als die neue politische Situation die Veröffentlichung zahlreicher Werke begünstigte, die die Rolle Roms als Hauptstadt des neu gegründeten Königreichs Italien hervorhoben. Der ausgeprägte Antiklerikalismus dieser Schriften zeugt deutlich vom anhaltenden Konflikt zwischen Papsttum und dem Haus Savoyen – eine Feindschaft, die bis weit ins 20. Jahrhundert fortbestehen sollte. [AC]
9. Rom als Tourismusmetropole
Die letzte Sektion vereint Reiseführer und Reiseberichte, die zwischen dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert erschienen sind und den entscheidenden Wandel Roms zur europäischen Tourismusmetropole dokumentieren. Diese Werke richten sich vor allem an ein bürgerliches Publikum, das nun die Straßen der Stadt dominiert. Neben Informationen über Kirchen und Denkmäler bieten die Reiseführer zahlreiche Hinweise zu Unterkünften und Dienstleistungen, die Komfort und Sicherheit der Besucherinnen und Besucher gewährleisten sollen. In dieser Hinsicht markiert der berühmte „Rote Reiseführer“ des Touring Club den Höhepunkt dieser Entwicklung: Der Band, 1925 veröffentlicht, bildet den Endpunkt des in dieser Ausstellung nachgezeichneten Weges. [AC]
Ausgewählte Literatur
- Selena Anders, Eight Days in Rome with Giuseppe Vasi, Roma, Bristol CT, L’Erma di Bretschneider, 2023.
- Mario Bevilacqua, Roma nel secolo dei lumi: architettura, erudizione, scienza nella pianta di G. B. Nolli “celebre geometra”, Napoli, Electa Napoli, 1998.
- Bibliografia delle guide di Roma in lingua italiana dal 1480 al 1850: cinque secoli di guidistica storico-sacra-archeologica romana per pellegrini devoti e viaggiatori colti, a cura di Giovanni Sicari, Roma, Tipolit. Grasso, 1990.
- Alberto Caldana, Le guide di Roma. Ludwig Schudt e la sua biografia. Lettura critica e catalogo ragionato, Milano, Palombi Editori, 2003.
- Giovanna Ceserani, A World Made by Travel: The Digital Grand Tour, Stanford, Stanford University Press, 2024
- Alessio Ciannarella, “Gli Nomi degl’Autori di tutte le opere”. La guidistica romana tra Sei e Settecento, Roma, Campisano Editore, 2025
- Cesare De Seta, L’Italia nello specchio del Grand Tour, Milano, Rizzoli, 2014.
- Marcello Fagiolo, Paolo Portoghesi, Mario Bevilacqua, Roma barocca: i protagonisti, gli spazi urbani, i grandi temi, Roma, De Luca, 2013.
- Le guide di città tra il XV e il XVIII secolo: arte, letteratura, topografia: seminari di letteratura artistica, a cura di Eliana Carrara e Monica Visioli, Alessandria, Edizioni dell’Orso, 2020.
- Barbara Milizia, Le guide dei viaggiatori romantici, Roma, Istituto Nazionale di Studi Romani, 2001.
- Massimo Pazienti, Le guide di Roma tra Medioevo e Novecento. Dai mirabilia urbis ai Baedeker, Roma, Gangemi, 2013.
- Piante di Roma: dal Rinascimento ai catasti, a cura di Mario Bevilacqua e Marcello Fagiolo, Roma, Artemide, 2012.
- Lisa Marie Roemer. Camminando vedrete. Wege durch das antike Rom in der Reiseliteratur des 7. bis 16. Jahrhunderts, Berlin, Edition Topoi, 2019.
Roma dei grandi viaggiatori, a cura di Franco Paloscia e Italo Alighiero Chiusano, Roma, Edizioni Abete, 1987 - Roma e l’antico: realtà e visione nel ‘700 / Fondazione Roma, a cura di Carolina Brook e Valter Curzi, Ginevra, Skira, 2010.
- Roma e la Campagna Romana nel grand tour, atti del convegno (Monte Porzio Catone, Roma, 17 – 18 maggio 2008), a cura di Marina Formica, Roma, GLF Ed. Laterza, 2009.
- Rome and the Guidebook Tradition from the Middle Ages to the 20th Century, a cura di Anna Blennow e Stefano Fogelberg Rota, Berlino, De Gruyter, 2019.
- Sergio Rossetti, Rome. A bibliography from the invention of printing through 1899, 4 voll., Firenze, Olschki, 2000.
Rome and the Guidebook Tradition: from the Middle Ages to the 20th Century, a cura di Anna Blennow e Stefano Fogelberg Rota, Berlino, De Gruyter, 2019. - Ludwig Schudt, Le Guide di Roma. Materialien zu einer Geschichte der römischen Topographie, Augsburg, Filser, 1930.
Impressum
Projekt: Alessio Ciannarella
Inhalte: Alessio Ciannarella [AC], Viviana Costagliola [VC], Philine Helas [PH]
Übersetzungen: Alessio Ciannarella (IT), Philine Helas, Hanna Sophie Stegemann (DE)
Koordination und Redaktion: Alessio Ciannarella, Philine Helas, Hanna Sophie Stegemann
Realisierung Web: Alexander Drummer, Hanna Sophie Stegemann
Digitalisierung der Rara: Anna Wilkens, Paola Filatro, Cathaysa Santana
DLIB: Klaus Werner
Besonderer Dank gilt:
Golo Maurer, Tanja Michalsky
Alessandro Agnoletto, Romano Crescenzi, Roberto Lilli, Milivoj Kokic, Alessandro Simonetta, Paolo Talone
Enrico Fontolan
© 2025








